
Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelang Josef Mengele, dem NS-Arzt, der im Vernichtungslager ‘Auschwitz’ praktiziert hatte, die Flucht aus Deutschland. Mit Hilfe von SS-Soldaten und der Unterstützung wohlhabender südamerikanischer Familien ging Mengele – in diesem Kinofilm von Regisseur Kirill Serebrennikov dargestellt von August Diehl – nach Argentinien, um unterzutauchen. Von Buenos Aires nach Paraguay, mit Aufenthalten im brasilianischen Urwald, organisierte der sogenannte ‘Todesengel’ sein methodisches Verschwinden und entging jeglicher Form von Prozess.
Wie skandalös unbehelligt deutsche Kriegsverbrecher in Südamerika lange leben konnten, das fängt Regisseur und Drehbuchautor Kirill Serebrennikow gut ein. “Das Verschwinden des Josef Mengele” inszeniert er als atmosphärisch dichten Schwarz-Weiß-Film im Stil des Film Noir. Umso verstörender sind die wenigen Stellen, an denen er Farbe verwendet – ausgerechnet für die Erinnerungen an Auschwitz. Durch Mengeles Augen betrachtet, verwandelt sich die Lagerhölle in ein sonnendurchflutetes Liebesidyll mit Badesee, das sehr an Jonathan Glazers “The Zone of Interest” erinnert. Zum Einsatz bringt Serebrennikow diese nostalgischen Erinnerungen in dem Moment, als Mengeles Sohn Rolf den Vater 1977 in Sao Paulo besucht und von ihm Antworten zu dessen Rolle in Auschwitz fordert.
August Diehl in der Hauptrolle bietet eine grandiose Performance. Über den Zeitraum von drei Jahrzehnten entwirft er das Psychogramm eines Unbelehrbaren, der sich keiner Schuld bewusst ist. Eine mediokre Gestalt, besessen von der Idee einer
Herrenrasse, zu der er sich selbstverständlich zählt, anders als all die anderen um ihm herum. Mal aufbrausend, mal weinerlich gibt er sich ganz dem Selbstmitleid hin.“Weswegen ist man hinter mir her?! Ich war Arzt! (…) Und jetzt muss ich mir hier verstecken am Ende der Welt.””Filmszene
Dass Mengeles Erinnerung an Auschwitz grotesk verzerrt ist, illustriert Serebrennikow in einer wie ein privater Amateurfilm gestalteten Sequenz, die auch das Verdrängte zeigt: zum Beispiel wie er lachend die Gefangenen ins Gas schickt. Oder wie er seine Menschenexperimente stolz vorführt und erklärt. Es ist harte Kost, die Serebrennikow dem Publikum zumutet. Und wie bei jedem Film, der das Grauen der Konzentrationslager nachinszeniert, stellt sich die Frage, ob diese Fiktionalisierung statthaft ist. Durch die doppelte Brechung als Film im Film wirkt es in “Das Verschwinden des Josef Mengele” auf jeden Fall nicht naiv oder geschmacklos, sondern wie eine sehr bewusste Setzung. Der Film ist ein starkes Statement gegen das Verdrängen. Er wirft die Frage auf, ob es Gesellschaften heutigen Kriegsverbrechern immer noch so leicht machen würden, ihrer Strafe zu entkommen.